Eine realistische Bestandaufnahme der momentanen Situation unseres Spitzentennis ergibt, dass wir im Herrentennis nicht einmal mehr Mittelklasse sind, dass das Damentennis nicht mehr vorhanden ist, dass die einzigen Lichtblicke sowohl bei Herren als auch bei Damen auf private Initiativen zurückzuführen sind (Akademien), dass wir einen 18 Jährigen ohne einen einzigen ATP Punkt zum kommenden Star hochjubeln und ihm damit nichts Gutes tut und unsere Zukunft im internationalen Tennis einem Sportdirektor anvertrauen, der keinerlei Ausbildung und Erfahrung als Trainer/Coach hat und sich als Verantwortlicher für das Training im Leistungszentrum in seiner Doppelfunktion als Trainer und Sportdirektor selbst kontrolliert.
Auch dieser Beitrag wird an dieser Situation nichts ändern, da mir meine Leser zwar immer wieder versichern, dass sie mir zustimmen, aber weder die Möglichkeit noch die Ambition hätten, sich zu engagieren, da Veränderungen nur von jenen herbeigeführt werden können, die dafür gewählt wurden bzw. bezahlt werden. Das ist Resignation pur und lässt leider vermuten, dass sich nichts ändern wird.
Da ich als Pensionist Zeit habe und man mir weder Eigeninteressen noch Ahnungslosigkeit auf einem Gebiet vorwerfen kann, dem ich jahrelang meinen vollen beruflichen Einsatz gewidmet habe, sehe ich es dennoch als meine Aufgabe, zumindest den Versuch zu machen, denjenigen Denkanstöße zu geben, denen unser Spitzentennis am Herzen liegt.
Ich habe in meiner Funktion als Technischer Direktor und Ausbildungsleiter des ÖTV in den Jahren 1973 bis 2002 versucht, ein System im Lehrwesen aufzubauen und war in dieser Zeit auch damit erfolgreich, wie die sportlichen Erfolge in dieser Zeitraum aber auch danach zeigen, in dem von mir und meinem Team ausgebildete Trainer tätig waren. Letztendlich ist diese Aufbauarbeit aber gescheitert, da meine Arbeit nicht weitergeführt wurde, wofür sowohl die Interesselosigkeit des Verbandes am Lehrwesen als auch die Unfähigkeit meiner Nachfolger verantwortlich waren. Im ÖTV betont man zwar seit jeher, dass das Lehrwesen sehr wichtig sei, die Verantwortlichen haben aber offensichtlich keine Ahnung, wie man jene Strukturen schaffen kann, die langfristig eine Position im internationalen Spitzentennis sichern können. Gegenüber den jungen Spieler/innen, die für ihren Sport alles geben, ist das unverantwortlich.
Dabei hätten wir sehr gute Voraussetzungen für den Spitzensport im Tennis.
O wir sind, die Mitgliedszahl betreffend, der zweitstärkste Fachverband
O wir haben weltweit die größte Dichte an Vereinen, Tennisanlagen und Tennishallen
O wir verfügen über gut funktionierende Vereine, Landesverbände und Mannschaftsmeisterschaften in allen Altersklassen
O wir haben mehrere international anerkannt Turniere in Österreich und hervorragende Turnierveranstalter
O Wir vor allem bei den Herren erfolgreiche Spielerpersönlichkeiten, die das öffentliche Interesse an unserem Sport enorm gesteigert haben.
Diesen Pluspunkten stehen aber leider sehr wesentliche Minuspunkte gegenüber.
Wir haben nämlich
O keine solide Basis an gut ausgebildeten Trainern und Coaches für das Spitzentennis
O kein Kompetenz- Analyse- und Beratungszentrum für Trainer/Coaches und keine hochwertigen Fortbildungsprogramme
O kein System zur Erfassung des Leistungsfortschrittes geförderter Spieler/innen
O keine geregelte Kooperation zwischen Akademien und Verband sondern Konkurrenzdenken
O keine Lehrunterlagen für Leistungstraining
O keine Komitee ehemaliger Spielerpersönlichkeiten zur Beratung und Impulsgebung
O keine objektive Erfolgskontrolle der/des sportlich Verantwortlichen
O keine hochwertige Trainerausbildung
O keine sportliche Leitung, die die nötigen Voraussetzungen hat, jene Maßnahmen zu ergreifen, die unser Tennis wieder auf internationales Niveau bringen können.
O leider die irrige Meinung, dass gute Spieler/innen automatisch auch gute Trainer/Coaches sein müssen und mangelhaftes Verantwortungsbewusstsein den Spieler/innen gegenüber, die sich höchste Professionalität erwarten.
Ich hoffe, dass ich mit dieser kritischen Bestandsaufnahme Denkanstöße gaben kann und werde mich demnächst zu einzelnen Punkten im Detail äußern. Sollten Sie, lieber Leser einen Beitrag zur Veränderung leisten wollen, so vergessen Sie nicht, meine Beiträge mit jenen zu teilen, in denen Sie Meinungsbildner sehen.