Die Statistik zeigt uns, dass männliche Spieler, die den Durchbruch zu den Top 30 schaffen – als solche kann man den erweiterten Kreis der Weltklasse bezeichnen – ungefähr folgenden Platzierungsverlauf in der ATP Rangliste aufweisen:
1. Jahr (18 Jahre): 800
2. Jahr (19 Jahre): 350
3. Jahr (20 Jahre): 150
4. Jahr (21 Jahre): 100
5. Jahr (22 Jahre): 70
Entscheidend sind die großen Sprünge von ca. 800 auf 350 und von dort auf 150.
Bei all diesen Statistiken darf man nicht vergessen, dass eine stetige Verbesserung immer wieder von kurzen Phasen der Stabilisierung (nicht der Stagnation) unterbrochen werden kann und Verletzungen natürlich die schönste Statistik zunichtemachen.
Laufbahnen, die mit 22 Jahren bei 800 beginnen und mit 26 Jahren bei 250 angelangt sind, machen ein Vordringen unter die Top 100 äußerst unwahrscheinlich. Ausnahmen sieht man immer wieder, bestätigen jedoch die Regel, wie das Beispiel von Gilberts Schaller zeigte, der zu meiner Zeit als Technischer Direktor des ÖTV eine stete langsame Aufwärtsentwicklung zeigte, schließlich aber doch die Top 30 erreichte. Allerdings lag es bei ihm in erster Linie an der Turnierauswahl, da er lange Zeit eher kleinere Turniere spielte, um ein garantiertes Einkommen zu haben.
Wenn wir uns die junge Generation in Italien und Frankreich betrachten, zwei Nationen, die eine lange und vorbildliche Tradition in ihren Ausbildungen aufweisen, so haben deren männliche Spieler bis 23 folgende Ranglistenpositionen:
Italien:
Sinner (22): 7
Nardi (20): 139
Musetti (21): 26
Cobolli (21): 98
Zeppieri (21): 127
Darderi (21): 136
Arnaldi (22): 43
Frankreich:
Fils (19): 36
Van Assche (19): 70
Cazaux (21): 123
Gaston (23): 83, wobei hier bereits Zweifel bestehen
Bei der Antwort auf die Frage, ob in naher Zukunft mit dem Durchbruch einiger unserer jungen Spieler zu rechnen ist, sollte man diese Statistiken kennen.
Wann immer es geht (live watch bei Challenger Turnieren und TV Übertragungen österreichischer Turniere) schaue ich mir die Generation an, die auf Thiem folgt und was ich sehe, lässt leider vermuten, dass diese Spieler trotz zweifellos vorhandenen Möglichkeiten nicht zur Spitze (Top50) vorstoßen werden, wenn sie nicht Änderungen im schlagtechnischen Training, ihrer Spielanlage und ihrer mentalen Einstellung am Platz vornehmen.
Die Schlagtechnik
Ich möchte die bestehenden Defizite anhand eines Erlebnisses veranschaulichen, das ich 2022 im Verlaufe einer Einladung zur einer Fortbildung von Trainern einer bekannten Tennisakademie hatte. Ich sollte den Trainern am Beispiel einer technischen Analyse des Vorhandschlages zeigen, wo Fehler bzw. Reserven vorhanden waren. Der zu analysierende 16 jährige sehr talentierte Deutsche schlug Vorhandschläge mit einem etwas älteren Partner gleichen Niveaus. Das Schlagtempo war sehr hoch, Sicherheit und Länge der Schläge zufriedenstellend und bezüglich der Schlagtechnik konnte ich nur geringe Reserven entdecken. Stolz fragte mich der Cheftrainer, was ich von der Vorhand seines Schützlings halte. Als ich ihm antwortete, dass ich deren Qualität nicht beurteilen könne, da ich nur einen von ca. 10 Vorhandschlägen gesehen hätte (mittlerer Topspin, Treffpunkt Hüfthöhe, flache Flugbahn, Platzierung Platzmitte), sahen mich er und seine 8 Kollegen fragend an, da sie nicht wussten, was ich meinte. Dabei wäre es sehr leicht, dies festzustellen, wenn man z.B. den Vorhandschlag des meiner Meinung nach technisch besten Spielers, Novak Djokovic, analysiert. Da sieht man den Vorhand Topspin als schnellen flachen Grundlinienschlag (Topspin Drive) cross und longline, als Preparationshot mit hoher Flugbahn, als kurzen cross von der Seitenlinie, seit Neuestem auch kurz cross inside out, inside out down the line, als Winnerschlag auf Treffpunkt in Schulterhöhe, als Return auf 2.Aufschläge vom Platzinneren und noch etliche weitere Varianten, wenn man genau hinschaut.
Für alle dieser Schläge bedarf es leichter Veränderungen des Vorhand Grundschlages, um die gewünschte Flugbahn und Treffpunkthöhe aus unterschiedlichen Positionen schlagen zu können. In unzähligen Einheiten wird das mit dem Trainer geübt, der dazu hilfreiche Tipps gibt und die richtigen Bewegungsaufgaben stellt. Die Feinformung muss der Spieler selbst durch seinen „inneren Biomechaniker“(Bewegungsgefühl) bewerkstelligen, wobei er auch bei der Auswahl jener variabel verfügbaren Bewegungsmuster, die er für seine Spielanlage braucht, maßgeblich beteiligt sein sollte.
Ich kann nicht beurteilen, ob die Trainer unserer derzeitigen Spitzenspieler so arbeiten, erkennen kann ich es nicht, ebenso wenig wie eine spezielle individuelle Spielanlage.
Die Spielanlage
Dass der Ball mit hoher Bewegungs- und Ballgeschwindigkeit longline und cross über das Netz geschlagen wird, nach dem Motto „versuche den Gegner zu erdrücken“, scheint mir für Erstklassigkeit einfach zu wenig zu sein. Gelegentlich werden auch Dropshots eingesetzt, manchmal sieht man auch Preparationshots mit hoher Flugbahn und starkem Drall und man freut sich auch, wenn der Spieler den Gegner auf dem falschen Fuß erwischt. Das alles scheinen mir aber eher zufällige Aktionen zu sein, die daher auch sehr oft nicht perfekt gelingen, da sie nicht fixe Bestandteile des Trainings einer individuellen Spielanlage sind.
Und jetzt bin ich beim entscheidenden Punkt. Hochleistungstraining im tennisspezifischen Bereich (daneben physischer und mentaler Bereich) besteht immer
1. zuerst aus dem Training stabiler und technisch einwandfreien Grundmustern der einzelnen Schlagtechniken
2. sodann der Entwicklung der für den/die Spieler/in aufgrund seiner/ihrer Voraussetzungen angestrebten Spielanlage
a) durch Feinformung der variablen Bewegungsmuster der für diese Spielanlage benötigten Schlagtechniken (siehe „10 VH Schläge“) und
b) durch Erprobung der entstehenden Spielanlage in Trainings- und Aufbauwettkämpfen, wobei neben der bevorzugten Spielanlage auch immer ein 2. Programm für den Fall, dass das erste nicht zielführend ist, vorhanden sein sollte.
Während des gesamten Entwicklungsprozesses der Spielanlage sollte der/die Spieler/in in die Entscheidungen eingebunden und überzeugt sein, dass sie seinen Möglichkeiten entspricht und zu ihm/ ihr passt.
Ich habe einmal Tom Gullikson, den langjährigen Coach des USA Davis Cup Teams gefragt, was er mit seinen Spielern (Agassi, Sampras) in der Zeit der Vorbereitung auf den Davis Cup trainiere und seine Antwort war: „their patterns“, also jene Spielmodelle, die für ihre Spielanlage wichtig sind.
Ich weiß nicht, ob alle unsere jungen nachstrebenden Spieler/innen eine genaue Antwort auf die Frage nach ihren „patterns“ geben können.
Die meisten meiner Leser/innen werden den Eindruck haben, dass das alles viel zu kompliziert sei und dass es auch einfacher möglich sein müsse, Spitzenleistungen hervorzubringen. Ich antworte darauf, dass man es für gute Leistungen im nationalen und für die Top 300 im internationalen Bereich auch billiger haben kann, für Leistungen, die zu Preisgeldern in Millionenhöhe führen, muss man allerdings intensiv auf die von mir beschriebene Art und Weise arbeiten.
Spitzencoaches und Spitzentrainer/innen sind keine Wissenschafter/innen. Ihr Wissen und ihre Methoden basieren allerdings auf wissenschaftlichen Erkenntnissen in den Bereichen Biomechanik, Trainingslehre, Psychologie und Physiologie, die sie in ihrer Ausbildung und in jahrelanger Praxis meist auch als Spieler/innen, erworben haben und ständig durch neue Erkenntnisse bereichern.
Leider verlangen viele Coaches/Trainer/innen im Hochleistungstraining von sich selbst nicht die gleiche professionelle Einstellung wie von ihren Schützlingen und leider ist die Meinung, dass es genügt, dass der/die Trainer/in selbst ein/e gute/r Spieler/in war, noch weit verbreitet.