Ich versuche, Dominic Thiem so oft es geht bei seinen Matches im Fernsehen zu beobachten. Das letzte Mal sah ich ihn gegen Stefanos Tsitsipas, dem er ein tolles Match lieferte. Im anschließenden TV Interview, in dem er genau analysierte, wirkte er eher zufrieden, konnte er doch Stefanos Tsitsipas auf sehr hohem Niveau Paroli bieten. Es schien mir, als empfand er die Niederlage nicht als Misserfolg, da er eine objektiv gute Leistung erbracht hatte.
Ich hatte mir diese Leistung erwartet, da Dominic Thiem schlagtechnisch wieder an sein einstiges Niveau herankommt, das zur Zeit seiner großen Erfolge Weltklasse war und sein Gefühl, dass er wieder auf höchstem Niveau spielen kann, erschien mir durchaus berechtigt. Realistisch betrachtet kann man sagen, dass er gegen Top 20 Leute zwar gut mitspielt, letztendlich aber verliert. Schlechter sieht es gegen Spieler aus, bei denen man einen Sieg von ihm erwarten würde. Der Grund dafür ist, dass er gegen Tsitsipas „verlieren darf“, gegen Ofner aber „gewinnen muss“. Gegen ersteren spielt er daher relativ frei, speziell dann, wenn er sieht, dass er gut mitspielen kann, gegen Spieler auf den Positionen um 100 aber gehemmt. Letztlich – und das ist das Dilemma – verliert er im Schnitt also sowohl als auch öfter als er gewinnt und der drohende Absturz aus den Top 100 macht die Sache nicht leichter.
Dominic Thiem war in den Jahren seiner großen Erfolge „erfolgsmotiviert“. Er war „in the flow“, glaubte an sich und erhielt durch seine Siege regelmäßig die Bestätigung, alle schlagen zu können. Jetzt ist er eher „mißerfolgsmeidungsmotiviert“ und das ist eine Motivation, bei der kaum Freude uns positive Stimmung aufkommen können, da die Angst vor neuerlichen Niederlagen zumindest unterschwellig vorhanden ist. Bei Dominic Thiem kommt noch dazu, dass er derzeit das hohe Erwartungsniveau sowohl seines Publikums als auch seiner selbst nicht erfüllt.
Es ist schwer zu sagen, wie Dominic Thiem aus dieser für ihn sehr schwierigen Situation herauskommen kann und auch ich kann dazu nur das sagen, was eventuell Möglichkeiten wären. Um wieder Top 30 zu werden, was ich für realistisch ansehe, braucht es für Dominic Thiem möglichst bald einen Neustart. Das alleine ist aber bereits fast unmöglich, da er bis Jahresende noch eine Position erreichen will, die ihm die Quali für das Australian Open erspart und er daher weiter Turniere spielen wird, die für ihn derzeit zu stark besetzt sind.
Der Neustart wird also frühestens Februar 2024 starten können und sollte im technischen Bereich jene Schwerpunkte weiter verfolgen, die man bereits bei seinem Spiel in der Stadthalle als positiv erkennen konnte. Die Ausholbwegung beim Aufschlag wurde ja bereits vor längerer Zeit umgestellt (verkürzt) und die Position an Grundlinie verbessert (nicht mehr 3 m dahinter). Auch beim Return konnte man Varianten und Veränderungen der Position feststellen. Die durch die nähere Positionierung an der Grundlinie erforderliche Anpassung der Spielanlage (bessere Möglichkeiten für Dropshot und Approachshot/Angriffsschlag) und der Schlagtechnik speziell beim VH Schlag (höhere Treffpunkte) erfordern jedoch eine Umstellung, die vor allem bei Spieler/innen, die mit der „alten“ Spielanlage und Schlagtechnik erfolgreich waren, sehr schwierig ist und sehr viel Geduld und sehr großen Willen zur Umsetzung erfordern.
Als außenstehender Beobachter habe ich den Eindruck, dass Dominic Thiem mit seinem Trainer neben seinem gewohnten Training an etlichen Dingen arbeitet und bin überzeugt, dass er bei seiner professionellen Einstellung auch einiges ändern kann. Das kann genügen, um wieder an die Top 30 heranzukommen. Der Zug für grundlegende Änderungen der Spielanlage und der dafür notwendigen Schlagtechniken scheint meiner Meinung aber für Dominic Thiem bereits abgefahren. Diese Änderungen wären notwendig, um wieder ganz nach vorne zu kommen, wenn man die Spielweise der „jungen Wilden“ in der Weltklasse betrachtet, die sich in den letzten 2 Jahren deutlich verändert hat.
Grundlegende Änderungen erscheinen mir für Dominic Thiem daher nicht zielführend und sind auch nicht nötig, um wieder Top 30 zu werden. Anpassung und leichte Änderungen allerdings schon. Um solche Umstellungen zu automatisieren braucht es geduldiges und zumindest wochenlanges Training, sodann Trainings- und Aufbauwettkämpfe, um Vertrauen in die doch veränderte und daher noch ungewohnte Spielanlage und Schlagtechnik aufzubauen und anschließend Challengerturniere. Aber das weiß Dominik Thiem selbst.
Die entscheidende Frage ist allerdings: Will sich Dominic Thiem diesen neuen Anlauf wirklich antun? Auch bei Challangerturnieren wird ihm nichts geschenkt werden und dort Punkte zu sammeln ist mühsam. Allerdings gibt es wahrscheinlich keine Alternative, denn aufhören wird er hoffentlich nicht.
Ich bin überzeugt, dass Dominic Thiem den richtigen Weg der „Anpassung“ finden wird und sich mittelfristig auch die erwarteten Erfolge einstellen werden. Es wäre ihm und uns, die wir uns an seinen Erfolgen und an seinem Auftreten erfreut haben, zu wünschen.