Neben mir spielt ein 9 jähriger mit dem Trainer und das für sein Alter schon recht gut. Allerdings belästigt er das Doppel älterer Damen, das auf dem Nebenplatz spielt, weil er bei jedem Grundlinienschlag, bei dem er „voll durchzieht“ laut stöhnt bzw. fast schon schmerzvoll aufschreit. „Das ist ja eine Zumutung, müssen wir uns das jetzt eine Stunde lang anhören ?“fragen sie den Trainern, der meint, dass man im Leistungstraining nur mehr Schlagbewegungen mit höchster Intensität spielt und das laute Stöhnen des Buben ein Zeichen dafür sei, dass er das auch tut.
Der Trainer hat natürlich recht mit der hohen Bewegungsgeschwindigkeit, mit der Spitzenspieler ihre Schläge bereits beim Einschlagen ausführen und vor allem dann im Match. Ihre Schläge weisen sowohl im räumlichen als auch im zeitlich-dynamischen Ablauf höchste Perfektion auf. Und das auch noch mit variabler Verfügbarkeit auf unterschiedliche Treffpunkthöhen, Geschwindigkeit des ankommenden Balles und gewünschte Platzierungen, denn nur wenn diese Kriterien erfüllt sind, können wir von perfekten Schlägen sprechen. Der Weg dorthin ist allerdings weit wird nur durch gezielt aufgebautes Training erreicht, bei dem die höchste Bewegungsgeschwindigkeit am Ende eines langen Entwicklungsprozesses steht.
Wenn ich besagtem Buben zuschaue, so sehe ich zwar, wie er den Schläger mit der für seine körperlichen Voraussetzungen möglichen Höchstgeschwindigkeit (dem „vollen Durchzug“) gegen den Ball schwingt, ich sehe auch im Ansatz richtige Bewegungsausführungen, weil der Schläger z.B. beim VH Schlag auf die Gegenschulter ausschwingt, von Platzierungsgenauigkeit und Länge der Schläge durch Flugbahnkontrolle, ist jedoch keine Rede. Man beobachtet auch bei Mittelklasse Spieler/innen diese Einstellung. Sie spielen praktisch jeden Grundlinienschlag mit „vollem Durchzug“ und finden es „geil“, wenn ein Schlag nach dem Zufallsprinzip gelegentlich wirklich gut gelingt. Die darauf folgenden Eigenfehler lassen sich so besser verkraften oder werden einfach ignoriert.
Im Leistungstraining ist der Weg zur perfekten Schlagausführung, die stabil als variabel verfügbares Bewegungsmuster im Gehirn gespeichert und automatisiert abrufbar ist, ein sehr weiter und es braucht dafür sowohl vom Schüler als auch vom Trainer Geduld und akribisches Training. Durch Schläge unter zunächst „erleichterten“ dann „mittleren“ Bedingungen „schleift sich eine Schlagbewegung in unserem motorischen Zentrum im Gehirn langsam ein“. Oftmalige (tausendfache) Wiederholungen mit immer wieder notwendige Korrekturen sind dazu nötig. Wird der noch nicht automatisierte „Bewegungsentwurf“ durch erschwerte Bedingungen (schnelles Zuspiel, erhöhte Laufarbeit und hohe Bewegungsgeschwindigkeit) überfordert, kommt es zu sogenannten „Notlösungen“, die den Aufbau eines perfekten „Bewegungsmusters“, das stabil gespeichert wird, verhindern.
Nun geht wahrlich nicht die Welt unter, wenn der/die Jugendliche im Leistungstraining gelegentlich „voll durchzieht“ und dadurch Schlaglänge und Platzierungsgenauigkeit leiden, solange die Schlagbewegung zumindest in der Grobform erhalten bleibt. Ständige Überforderung der nur in unvollkommenen Entwürfen gespeicherten Bewegung führt jedoch zu suboptimalen Bewegungen (Reißen, unsaubere Treffpunkte, schlechte Stellung), die ein feingeformtes stabiles Bewegungsmuster auf höchstem Niveau praktisch unmöglich machen.
Gutes Training beginnt daher immer mit einer Rhythmisierung der Schläge, bei der die Spieler/innen die bereits vorhandenen Bewegungsmuster unter mittleren Bedingungen abrufen und der Trainer diese auf Fehler überprüfen kann. Solange solche vorhanden sind, ist es sinnlos, zu erschwerten Bedingungen in Zu- und Abspiel überzugehen, da ungewünschte Bewegungsabläufe gespeichert werden würden.
Wenn man also Jugendliche sieht, die zwar voll durchziehen, über die Streuung und die daraus resultierenden Eigenfehler aber großzügig hinwegsehen, so besteht leider die Gefahr, dass sie nie zu optimalen Bewegungsmustern kommen, die jedoch die Grundlage für das Tennis auf höchstem Niveau sind.
Schlagschulung (technisches Training) ist keine Wissenschaft, sie erfordert jedoch vom Trainer Kenntnisse über den motorischen Lernprozess und der Biomechanik sowie und ein gutes Auge bei der Schlaganalyse seiner Spieler/innen. Vor allem aber Geduld und Konsequenz. Gutes Schlagtraining ist für die Jugendlichen nicht immer ein reines Vergnügen. Erfolgreich sind aber auf lange Sicht nur diejenigen Spieler/innen und Trainer/innen, die imstande sind, langfristig zielgerichtet zu arbeiten. Die Aussage eines Spielers „mit diesem Trainer macht es wirklich Spaß“, muss daher nicht immer ein positives Zeichen sein.
Schlussfolgerungen:
O Nicht nur im Hochleistungstraining sondern auch bei der Mittelklasse sollte der „Volle Durchzug“ erst dann erfolgen, wenn ein einigermaßen akzeptables stabiles Bewegungsmuster vorhanden ist.
O Das beste Zeichen für akzeptable Bewegungsmuster in der Schlagtechnik sind kontrollierte Bewegungen. Dafür sind die Schläge regelmäßig auf Platzierungsgenauigkeit, Länge und Drall zu überprüfen (Tests)
O Eine hohe Eigenfehlerquote beim Spieltraining, das auf jeder schlagtechnischen Entwicklungsstufe parallel zur Schlagschulung stattfinden sollte sind ein triftiger Grund, um verstärkt an der Schlagtechnik zu arbeiten und machen es für den/die Spieler erkenntlich, dass er/sie über seine/ihre Verhältnisse spielt. Um die Eigenfehlerquote festzustellen braucht es nicht unbedingt den Trainer, das können auch die Spieler/innen selbst tun (zählen) oder die Eltern, die für gewöhnlich begeistert ihren Sprösslingen zuschauen, machen eine „Stricherlliste“. Und nicht selten kann man feststellen, dass z.B. bei einem 6:4 der Sieger 20 Eigenfehler (unforced errors) und 2 aktive Punkte gemacht hat und der Unterlegene 35 und 5 aktive Punkte. Eigenfehler abzubauen bedeutet demnach nicht nur erfolgreicher spielen, sondern auch sein technisches Können richtig einzuschätzen.
O Die gute Nachricht: Spieler/innen und Trainer/innen, die geduldig an der Verbesserung der Schlagmuster arbeiten und diese nicht zu früh durch zu hohe Bewegungsgeschwindigkeit überfordern, kommen wesentlich schneller zum Erfolg und ersparen sich vor allem die oft schwierige Fehlerkorrektur.