Österreichs Tennis seit ca 20 Jahren im stetigen Abwärtstrend.

Was könnten Gründe dafür sein ?

Um Antworten zu finden, möchte ich ein wenig ausholen und erzählen, wie es dazu gekommen ist, dass wir in den Jahren 1980 bis 2000 eine nie wieder erreichte Blüte in unserem Spitzentennis erreicht haben. Einzelne Spieler/innen, allen voran Diem und Melzer konnten zwar danach den stetigen Abstieg verdecken, waren aber nur erfreuliche Ausnahmen. Dass wir derzeit bei den Damen nur eine Spielerin unter den Top 100 haben und diese aus Vorarlberg kommt und bei Günter Bresnik trainiert, aber keine andere Spielerin auch nur annähernd an sie herankommt, ist ein trauriger Tiefpunkt.

Aller Anfang war schwer

Als ich 1973 unter dem damaligen Präsidenten des ÖTV, Dr. Theodor Zeh als Ausbildungsleiter für Tennis in die neu gegründete Südstadt kam, starteten wir im Leistungstraining bei der Stunde 0 .Wir engagierten 2 tschechoslowakische Trainer, Jan Kukal und Jan Simbera und holten ca 10 Jugendliche aus den Bundesländern ins Internat. Die Zusammenarbeit mit den Trainern, die auch Spitzenspieler waren, war nicht immer leicht, speziell die mit Kukal, da er von einem sportwissenschaftlichen Trainingsaufbau, wie er mir vorschwebte, nicht viel hielt. Als ich ihn im Oktober fragte, ob er mir seine Trainingsplanung zeigen könnte, zog er seinen Taschenkalender heraus und meinte, dass wir im Frühjahr 3 Jugendturniere spielen sollten. Turnierplanung war für ihn Trainingsplanung und ansonsten meinte er, dass er wüsste, was er zu tun habe. Im Großen und Ganzen stimmte das auch, denn Jan war mit der tschechischen Tennisschule groß geworden und die war damals in Europa Spitze. Kodes, Schmid, Slozil, Lendl, Navratilova, Mandlikova waren nicht von Ungefähr Weltklasse. Wir begannen also zum ersten Mal in Österreich mit einem systematischen Training, täglich 2 Stunden Schlagtraining und 1 ½ Stunden Konditionstraining und 2x pro Woche unterrichtete ich die bald über 25 steigende Anzahl an Jugendlichen in den theoretischen „Fächern“ Schlagtechnik, Spielanlage und mentales Training. Das Schlagtraining am Platz überließ ich den beiden Jans, zu denen sich bald der Oberösterreicher Wolfgang Partl gesellte, der mit den Mädchen arbeitete. Und Wolfgang setzte meine Vorstellungen vom Schlag- und Wettkampftraining ausgezeichnet um und hatte sehr bald mit Uschi Ulrich, Andrea Pesak, Ingrid Flach und vor allem Petra Huber Spielerinnen, die auch international in der Jugendklasse erfolgreich waren. Dazu kam noch Judith Pölzl (später Wieser), die leider nie ständig in der Südstadt trainierte sondern nur zur Wettkampfvorbereitung anreiste. Ich konnte die Skepsis der tschechischen Trainer, aber auch unserer damaligen Spitzenspieler Kary, Pokorny, Blanke und Hoskowetz verstehen, denn ich war nie Turnierspieler sondern spielte in der Wiener Landesliga beim UTC Sievering, wo ich auch Vereinsmeister war und verdiente vor allem in den Sommermonaten mein Geld, das ich für das Studium gut gebrauchen konnte, als Tennislehrer.

Erste Erfolge stellen sich bald ein

Natürlich hatten die Jugendlichen, die in der Südstadt trainieren konnten einen enormen Vorteil gegenüber jenen, die in den Bundesländern zuhause waren, da es dort keine regionalen Trainingszentren gab. Diese bauten wir mit den Landesverbänden, in denen viele ambitionierte Lehr- und Jugendreferenten tätig waren, ab 1976 systematisch auf. Zugleich startete ich die ersten Trainerausbildungen, für die ich ein Leistungssport-Konzept entwickelte. Vorbilder dafür gab es in Österreich nicht. Gemeinsam mit Walter Föger, dem innovativen Generalsekretär, fuhr ich nach Hannover, um mir das von Richard Schönborn (Tscheche) und Peter Scholl neu gegründete Leistungszentrum anzuschauen und zu lernen. Ich folgte der Einladung von Jean Paul Loth in das französische Leistungszentrum in Paris, und besuchte Leistungskurse in Prag und Bratislawa, um mir einen Überblick zu verschaffen, was und wie dort trainiert wurde. Am meisten profitierte ich aber von einer Einladung von Anna Skorodumova, der Verantwortlichen für das Lehrwesen in Moskau. Dort sah ich ein Training, in dem die Trainer mit Unterstützung der Sportwissenschaften geplant und intensiv mit Jugendlichen aller Altersstufen ab 12 arbeiteten. Das war zu diesem Zeitpunkt in der Südstadt nicht in ähnlicher Form umzusetzen, da unsere beiden Jans auf ihre Weise arbeiteten und das mit sehr gutem Erfolg. Hatten wir bei unserem ersten Antreten bei der EX-Pilsen 1972, einem großen Mannschaftsturnier mit 16 Mannschaften aus der Tschechoslowakei, Polen, Ungarn und der DDR noch Platz 15 vor Bratislawa 3 belegt, wurden wir 2 Jahre später schon Dritte. Durch die ausgezeichnete Arbeit der vorwiegend österreichischen Trainer in den regionalen Zentren stieg das Niveau im Jugendtennis sprunghaft, wobei die Konkurrenz mit der Südstadt ein zusätzlicher Anreiz war. Die Trainer P.Mletzko, M.Asen, M.Rauth, A.Tesar, B.Wetter, G.Mandl, F.Pfifferling, W.Del Negro, D.Vock, um nur die ersten zu nennen, absolvierten die Trainerausbildung, so dass ich sicher sein konnte, dass sie nach modernen Erkenntnissen unterrichteten und vor allem nach einem einheitlichen System in Schlag- und Spielschulung. Bei meinen Besuchen in den regionalen Zentren konnte ich mich von den ausgezeichneten Trainingsfortschritten überzeugen. Der Kontakt zur Südstadt war auch durch regelmäßige gemeinsame Lehrgänge zur Wettkampfvorbereitung im Frühjahr gegeben.

Wertvolle Anregungen konnte ich auch aus einer Studienreise in die USA zu führenden Colleges und die damals führenden Akademien von L. Hopman, Vic Braden und Nick Bollettieri. Die Akademie von Bollettieri beeindruckte mich und meine 6 mitgereisten Trainer vor allem durch die perfekte Trainingsorganisation. Vormittags Schlag- und Individualtraining, nachmittags Spieltraining (Sätze untereinander mit eingetragenen Ergebnissen), Konditionstraining und 3x wöchentlich Mentales Training. Nick war nie Tennisspieler gewesen und machte das Training auch nie zu einer Wissenschaft sondern erzielte die Erfolge seiner Athleten durch gezieltes und diszipliniertes, vor allem aber auch umfangreiches und für damaliges Verhältnisse sehr intensives Training (Drills). Dadurch wurde seine Akademie auch zu einem Anziehungspunkt für Weltklassespieler/innen, die klimabedingt erstklassige Trainingsmöglichkeiten vorfanden und auch immer ausgezeichnete Trainingspartner.

Was soll ein Leistungszentrum wie die Südstadt bieten ?

Die Südstadt soll nicht als Konkurrenz zu den regionalen Zentren und den diversen privaten Tennisakademien gesehen werden. Wer in die Südstadt kommen will, soll dies tun. Wer aber in seinem Bundesland, ob im regionalen Zentrum oder in einer Akademie gute Trainingsmöglichkeiten hat und es daher vorzieht, dort zu bleiben, der/die soll das tun. Das Leistungszentrum Südstadt soll Kurse für Schlag- und Spielanalysen sowie Wettkampfvorbereitung anbieten, die dann von den Trainern der Zentren mit ihren Jugendlichen genützt werden können. So bindet man alle, die an einer Zusammenarbeit interessiert sind in ein gesamtösterreichisches Konzept ein und macht sie zum wichtigen Teil des Gesamterfolges.
Die entscheidende Frage ist allerdings, ob in der Südstadt Experten an der Arbeit sind, die von den Trainern der regionalen Zentren und Akademien als solche anerkannt werden und deren Rat sie gerne annehmen oder, ob man der Meinung ist, dass man zumindest über gleiches wenn nicht sogar besseres Fachwissen verfüge. Worst case wäre der, wenn die Zusammenarbeit als Verpflichtung gesehen wird, da man nur dann zu Entsendungen eingeladen, in einen Kader einberufen wird oder finanzielle Unterstützung erhält.

4 Fragen ergeben sich daraus für Österreichs Spitzentennis:

Sind in der Südstadt Experten tätig, deren Hilfestellung für alle Fragen des Trainings gerne angenommen werden ?
Sieht man im ÖTV immer noch die Südstadt als jenen Ort, mit dem man beweisen will, dass man nur dort an die Spitze gelangen kann ?
Wie definiert man in der Zukunft die Aufgaben des Bundesleistungszentrums Südstadt ?
Können aus der Südstadt in Zusammenarbeit mit den Zentrums-und Akademietrainern Impulse für eine einheitliche Trainerausbildung kommen und weiß man in der Südstadt überhaupt, was in der Trainerausbildung unterrichtet wird ?

Wenn ich sehe, dass Interesse für meine Gedanken zu unserem Tennis besteht, werde ich
gelegentlich meine Beiträge fortsetzen.

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